Einige Zeilen zu einem oft verkannten Instrument, geschrieben von Peter Busch.
Ein Kinder-Instrument?
Die Melodica ist durchaus kein (oder nicht nur ein) Kinder-Instrument. Dieses Statement muss zu Beginn dieses kleinen Textes stehen, denn das, was man als Melodica-Spieler immer zuerst hört, ist: „Sie spielen ein KINDER-Instrument?”.
Die Betonung liegt dabei auf dem Wort „Kinder”. Erst nachdem das Staunen überwunden ist, kommt dann als nächste Frage: „Was ist das denn überhaupt für ein Instrument?”
Leider wird die Melodica auch in Akkordeonkreisen, wenn nicht als „Kinderinstrument”, so doch als „Einstiegsinstrument für das Akkordeon” gesehen. Das ist sie sicherlich auch, aber eben nicht nur. Zwar erinnert der Klang der Melodica durchaus an das Akkordeon, einem von mir außerordentlich geliebten Instrument. Allerdings ist der Melodica-Klang durch den Atem viel „manipulierbarer”, d. h. man „hat” den Klang des Akkordeons, kann ihn aber bedeutend besser modulieren, variieren, artikulieren, als das beim Akkordeon der Fall ist (zumindest für jemanden, der nicht Spitzenkönner ist).
Insofern ist die Melodica ohne Frage ein „Akkordeon ohne Bass”, aber zugleich ist sie kein halbes Instrument. Im Gegenteil: durch die Beeinflussung des Klangs durch den lebendigen Atem wird die Melodica sogar für viele Spieler lebhafter als das Akkordeon, das ja durch die Luft des mechanischen „Blasebalgs” belebt wird, wohingegen die Melodica direkt auf den Atem reagiert.
Geschichte
Die Geschichte der Melodica ist schnell erzählt: das Instrument wurde 1959 von der bekannten Akkordeon- und Mundharmonika-Firma Matthias Hohner entwickelt und in der Tat primär für den musikpädagogischen Bereich. Aber mittlerweile haben zumindest die guten Instrumente ihren Nischenplatz im Jazz, im Reggae und im Folk erobert und besetzt, so dass es sich durchaus lohnt, ein wenig mehr darüber zu erfahren.
Mundharmonika mit Klaviatur - die Tonerzeugung
Die Melodica gehört zur Gruppe der „Instrumente mit durchschlagender Zunge” oder „Zungeninstrumente” und ist daher mit dem Harmonium, dem Akkordeon und der Mundharmonika verwandt. Allerdings wird die Luft nicht über einen mechanisch betriebenen Weg (Balg) an die Stimmzungen herangeführt, sondern - wie bei der Mundharmonika - direkt über den Atem, weswegen die Melodica manchmal auch als „Mundharmonika mit Klaviatur” bezeichnet wird. Dies sollte allerdings eher als kleine Spitze denn als Kompliment betrachtet werden.
Einzelne Instrumente
Hochwertige Melodicas sind durchaus in der Lage, anspruchsvolle Musik zu produzieren, auch und besonders im Jazz. Hier seien die „Profi-Melodica Hohner 36” (3 Oktaven Umfang), vor allem aber die Cassotto-Melodica und das Bass-Instrument, die Melodica Basso hervorgehoben. Leider Gottes (oder soll man sagen „Leider Hohners”?) werden die beiden letztgenannten Instrumente nicht mehr hergestellt, was besonders für den Einsatz der Melodica im Jazz noch gar nicht absehbare Folgen haben wird. Denn gerade auf diesen Instrumenten kann man wunderbar und wohlklingend improvisieren. Man kann sowohl hart und boppig als auch sanft, leger und cool spielen. Der Klang eines Cassotto-Instruments ist „mellow” und der Klang der Bass-Melodica ein kräftiges, tiefes Akkordeon-Register. Er ist genau so variabel spiel- und artikulierbar wie eine gedämpft gespielte Posaune „mit einer Spur Oboe drin”, was einen ganz besonders reizvollen und ungewöhnlichen Klang ergibt.
Hohner Piano 26
Als Übungsinstrument besitze ich eine weitere hochwertige Melodica: eine Hohner Melodica 26, und zwar aus der älteren Produktion. Dieses schöne, angenehm klingende Instrument hat auch einen mit Löchern versehenen Resonanzboden, den die Instrumente der neueren Produktion leider nicht mehr haben. Die „26” ist ein Sopran-Instrument, deren Umfang von h bis c3 reicht. Auf ihr ist z. b. ein großer Teil der Literatur für Tenor-Blockflöte spielbar, und es klingt sogar sehr schön.
Hohner Piano 27
Das erste Instrument, das ich erworben habe, ist eine ausgezeichnete Hohner Melodica Piano 27 mit Cassotto, vielleicht die beste Melodica, die jemals gebaut worden ist. Die „27” ist zwar nach wie vor lieferbar, aber eben nicht mehr mit Cassotto. Der Tonumfang umfasst f bis g2: es ist also ein Alt-Instrument.
Hohner Piano 36
Meine neueste Errungenschaft ist eine Hohner Melodica Piano 36, auch ein Profi-Instrument mit Metallboden, auswechselbaren Messingstimmplatten und einem Umfang von 3 kompletten Oktaven (f bis f3). An Literatur ist für die „36er” (wie auch für die „27er”) vor allem Mundharmonika-Material nutzbar, oder aber „entbasste” Akkordeon-Literatur, was allerdings allerlei arrangementliche Kunst erfordert, um das schön klingen zu lassen. Ich habe aber entdeckt, dass sich in gewissem Umfang auch Trompeten-Literatur eignet und wenn man des Transponierens mächtig ist, kann man auch Literatur des Alt-Saxophons und der B-Klarinette nutzen.
Hohner Melodica Basso
Das zweite meiner Hauptinstrumente ist die Hohner Melodica Basso, das schönste und in meinen Ohren wohlklingendste Melodica-Instrument, das ich besitze. Sie ist - wie der Name schon sagt - ein Bass-Instrument, dessen Tonumfang mit knapp 2 Oktaven (F bis e1) nur gering unter dem einer Posaune liegt, übrigens auch im nahezu identischen Tonbereich von Großer und Kleiner Oktave. Auf diese Weise ist für den Melodicabassisten Posaunenliteratur (wenn auch eingeschränkt) spielbar, was nicht unwichtig ist, da es eine eigenständige Melodica-Literatur leider (noch???) nicht gibt.
Cassotto
Das Cassotto-Bauprinzip, das ja vom Akkordeon her bestens bekannt ist, vermeidet bzw. mildert das „Blecherne” vieler Melodica-Instrumente. Es filtert die Spitzenfrequenzen heraus und erzeugt auf diese Weise einen kräftigen und zugleich recht weichen Klang („mellow”). Dadurch entstehen Klangfarben, die mit kaum einem anderen Instrument zu vergleichen sind, höchstens mit einem exzellenten Akkordeon. Das Cassotto wurde übrigens zuerst in Italien für sehr hochwertige und hochpreisige Akkordeons erfunden und eingeführt. Bei Cassotto-Instrumenten sind die Ventilklappen nicht direkt nach außen, sondern als „Umweg” auf eine Art Resonanzraum ausgerichtet, was die Klangfarbe verstärkt und zugleich verändert. Bei tiefen Tönen bewirkt das Cassotto, dass die höheren Teiltonbereiche (Obertöne) gedämpft und quasi „entspitzt”, und bei höheren Tönen, dass die tieferen Teiltonbereiche verstärkt werden. Dadurch entsteht eine Annäherung, ja, fast Angleichung, und Milderung beider Bereiche. Eine viel eindeutigere Hervorhebung der betroffenen Töne von den benachbarten ist, neben der „Mellowisierung” das Hauptergebnis des Cassotto-Effekts. Das heißt: der Klang wird deutlicher und weicher zugleich.
Das alles ist musik-akustisch eine höchst komplizierte Angelegenheit, aufwändig in der Konstruktion, sehr teuer in der Herstellung, so dass Cassotto-Instrumente stets die teuersten ihrer Klasse waren und sind. Bei Akkordeons sind Preise jenseits der 5000-Euro-Marke gar nicht selten, und für eine Cassotto-Melodica musste man früher mehr als das Fünffache des Preises einer normalen Melodica rechnen. Leider stellt Hohner diese wunderbaren Instrumente nicht mehr her, und auch von anderen Herstellern (Suzuki, Yamaha und Victory) sind mir keine Cassotto-Instrumente bekannt, wohl aber Bass-Instrumente, die aufgrund ihrer sehr angenehmen weichen Tiefe ebenfalls einen ausgesprochen angenehmen und in meinen Ohren sich „jazzig” anhörenden Klang erzeugen.
Musiker
Zuletzte möchte ich aber noch en paar Worte zu Interpreten sagen, die Melodica spielen. Es gibt zwar leider (noch) keinen Musiker, der dieses Instrument als Hauptinstrument spielt, wohl aber einige sehr bedeutende, die es mehr oder weniger regelmäßig spielen, quasi als eine Art „Nebeninstrument”:
- Mikhail Alperin vom Moscow Art Trio
- Der Schlagzeuger und Pianist Jack DeJohnette
- Der Trompeter und Weltmusiker Don Cherry
- Der Keyboarder Joe Zawinul
- Der jamaikanische Jazz-Pianist Monty Alexander, der die Melodica sogar recht häufig verwendet
- Der Jazzer, Bassklarinettist und Komponist Gene Coleman
- Der Jazz-Pianist Wolfert Brederode
Ausserhalb des Jazz wird die Melodica hin und wieder in der Popmusik verwendet (hier aber meist aus Show-Effekten heraus), aber auch im Reggae, vor allem dem des Jamaikaners Augustus Pablo, der dieses Instrument auf fast jeder seiner Einspielungen verwendete.>

